Andreas Frutiger wurde in Peru geboren, hat den Schweizer Pass und ist in Berlin aufgewachsen. Mit Frank spricht der 48-Jährige über seine ungewollte Rolle als “Nobel-Ausländer”, warum Schweizer Deutsche oft als überheblich empfinden und wieso er kein Spanisch mehr spricht.

Peru, Portugal, Berlin

In der Grundschule sorgt Andreas für erstauntes Raunen – mit einem Bild. “Wir mussten im Kunstunterricht einen Urwald malen – und für mich gab es nichts Einfacheres als das – mitsamt der Pflanzenwelt. Ich erinnere mich nicht mehr an Details, aber es fiel auf”, erzählt er lachend. Für Berliner Kinder war der Regenwald weit weg, aber Andreas hatte in seiner Zeit in Peru direkt neben dem Urwald gewohnt.

Andreas Peter Frutiger wird 1969 in Lima geboren. Sein Vater ist Schweizer, seine Mutter stammt aus Deutschland. Er hat zwei ältere Schwestern. Sein Vater ist beruflich viel in der Welt unterwegs, daher lebt die Familie in Südamerika. Zuhause wird Spanisch gesprochen.

Als die politische Lage in Peru aufgrund einer Militärdiktatur heikel wird, ziehen die Frutigers nach Portugal. Drei Jahre später steht der nächste Umzug an – diesmal nach Berlin. In der geteilten Stadt lebt die Familie im Westteil, der Vater überquert aber jeden Tag die Grenze am Checkpoint Charlie: Er arbeitet im Osten. “Sie kannten ihn – aber haben ihn trotzdem jeden Tag kontrolliert. Er hätte ja Personen schmuggeln können”, erzählt Andreas.

Der erste Schnee

An Umstellungsschwierigkeiten kann sich Andreas nicht erinnern, wohl aber an die Freude über den ersten Schnee seines Lebens. Spanisch verlernt er mit der Zeit – was er heute bedauert. Er fühlt sich wohl in Berlin und identifiziert sich voll mit der Hauptstadt.

“In der Schweiz bin ich kein Schweizer – keine Chance. Zu Peru fehlen mir die Berührungspunkte, und zu sagen, dass ich Deutscher bin, fühlt sich auch übertrieben an. Aber auf Berlin habe ich nie etwas kommen lassen.”

Während es seine Schwestern immer wieder ins Ausland zieht, kann Andreas sein Fernweh mit Urlaubsreisen stillen. “Das hat mir immer gereicht.”

In der Schweiz, in der Heimat seines Vaters, hat er nie gelebt, aber ihm sind die Schwierigkeiten, die Deutsche und Schweizer miteinander haben, sehr bewusst. Manche Dinge laufen einfach anders.

“Man beschwert sich höflich in der Schweiz und spricht gewisse Dinge nicht an, um den Frieden zu wahren.” Deutsche eckten aufgrund ihrer sehr direkten Art häufig an in der Schweiz – oft wirke es überheblich, sagt Andreas.

An große Mentalitäts-Konflikte zwischen ihm, der Berliner Schnauze, und seinem Vater, dem reisenden Schweizer, kann er sich nicht erinnnern. “Ich habe ihn immer als den weltoffensten Schweizer überhaupt wahrgenommen.”

“Ich wurde immer behandelt wie ein Nobel-Ausländer”

Im Laufe der Jahre wird ihm immer bewusster, dass er trotz seiner schweizer Abstammung oder seines peruanischen Geburtsortes nicht als Ausländer oder Migrant wahrgenommen wird.

“Wenn ich gesehen habe, wie mit anderen Menschen umgegangen worden ist, habe ich mich eher gefühlt wie einer von denen. Ich habe mich gefragt: Warum behandelt ihr mich nicht genauso? Bis mir klar wurde: Es geht nur ums Äußere. Ich wurde immer behandelt wie ein Nobel-Ausländer.”

Umso schöner ist es, dass er in einem Umfeld arbeitet, in dem die Herkunft nicht ignoriert, aber auch nicht negativ ausgelegt wird. Als Programm-Manager beim Radiosender Jam FM trifft er tagtäglich auf eine junge und vor allem bunt gemischte Redaktion.

“Hier arbeiten zehn, zwölf Nationen zusammen – und es gibt null Probleme.” In der deutschen Medienwelt, in der nicht mehr als drei Prozent der Journalisten einen Migrationshintergrund haben, ist die Jam-FM-Redaktion eine glorreiche Ausnahme in Sachen Vielfalt.

Was die Jugend von heute für Musikströmungen hört, lernt Andreas von seinen jungen Mitarbeitern. Auch wenn er mit Liebe zum britischen Punkrock aufgewachsen ist, kennt er sich heute mit deutschem Trap aus.

Weitere Themen: Mischehen und Militärdienst, Schweizer Taschenmesser und Kanton-Holzscheite, Abenteuer in Telefonzellen, Gangnam Style und Lukas Rieger.