Saruul Krause-Jentsch ist in der Mongolei geboren und in Deutschland aufgewachsen. Mit Frank spricht sie über ihre Rolle als Quoten-Asiatin, über brutal ehrliche Familienmitglieder, ihren crazigen Opa und ihren leiblichen Vater.

Die Mongolei ist fast fünf Mal so groß wie Deutschland, hat aber nur ungefähr so viel Einwohner wie Berlin. Das Land bietet viel Natur und eine große Weite. Saruul sagt:

“Wenn es etwas gibt in der Mongolei, dann ist das Platz.”

Aufwachsen bei der Oma

Im April 1989 wird Saruul in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator geboren. Ihre Großmutter betreut ihre Geburt – sie ist Gynäkologin. In den ersten zwei, drei Jahren wächst Saruul nicht bei ihren Eltern auf, sondern bei ihrer Oma.

Die Mutter muss wieder an ihren Studienort zurückkehren: in die DDR. Saruuls Eltern, beide Mongolen, hatten sich in Ostdeutschland während des Studiums kennengelernt.

Viel Liebe

Die mongolische Großfamilie kümmert sich um Saruul, sie lebt mal bei der Oma, mal bei anderen Verwandten.

“Ich habe viel Liebe von lieben Menschen bekommen.”

Nach ein paar Jahren holt die Mutter sie nach Ost-Berlin in das inzwischen wiedervereinigte Deutschland. Sie erinnert sich an die Kakerlaken im Studentenwohnheim und an ein Fremdheitsgefühl ihrer Mutter gegenüber.

“Er ist mein einzig wahrer Vater”

Es ist eine schwierige Zeit. Saruul erlebt, wie der Vater der Mutter gegenüber gewalttätig wird. “Ich habe mitbekommen wie er sie verprügelt hat.” Dennoch habe sie relativ gut damit umgehen können, weil ihre Mutter fest zu ihr gestanden habe. Als Saruul drei oder vier ist, trennt sich die Mutter vom Vater und findet später einen neuen Partner, einen deutschen Mann, der Saruul adoptiert. Über ihn sagt Saruul: “Er ist mein einzig wahrer Vater.”

“Bis heute bewundere ich, wie meine Mutter das alles von mir abgeschirmt hat. Gefühlt hatte ich die glücklichste Kindheit.”

“Du merkst, dass du anders bist”

Diskriminierungserfahrungen gehörten glücklicherweise nicht zu Saruuls Alltag, aber an einige Anfeindungen erinnert sie sich durchaus. Als sie acht Jahre alt ist, wird sie von einem jugendlichen “Neonazi” umgeschubst. Er beleidigt sie als “Scheiß Kanake”.

Ihre Schulzeit hat Saruul in guter Erinnerung.

“Ich war auf einem französischen Gymnasium, einer super internationalen Schule. Dementsprechend war die Hälfte der Schüler Franzosen und es gab viele Diplomatenkinder. Ich habe nie Mobbingerfahrungen gemacht. Aber natürlich merkst du, dass du anders bist.”

“Du hast ein schlechtes Gesicht”

Mit den Jungs ist es für Saruul in der Pubertät nicht einfach. “Ich hatte als Teenager das Gefühl, dass ich zu exotisch bin und dass die mich nicht mögen, weil ich anders aussehe.”

In der Familie erlebt sie, was viele asiatischstämmige Menschen berichten: Dass Verwandte und Bekannte einander extrem ehrlich ihr Aussehen kommentieren.

“In der Mongolei sagt man zu jemandem, der hässlich ist, direkt übersetzt “Schlechtgesicht”, also: Du hast ein schlechtes Gesicht.”

Allein in der Mongolei

Mit Ende 20 fliegt Saruul zum ersten Mal allein zu ihrer Familie nach Ulan Bator. Es ist eine emotionale Selbstfindungsreise, bei der sie all ihren Familienmitgliedern gesagt habe, dass sie sie liebe – womit diese wiederum “komplett überfordert waren.” Offen über Gefühle zu sprechen, ist in der mongolischen Kultur nicht gerade gang und gäbe.

Auch mit ihrem leiblichen Vater intensiviert sie den Kontakt, um das verinnerlichte, negative Bild von ihm mit der Realität abzugleichen.

“Ich habe ihn als gruseligen Mann gesehen; ihn einerseits geliebt, aber auch gehasst für das, was er getan hat. Und der Gedanke: Oh Shit. Wenn er die Hälfte von mir ist, was bedeutet das? Was von ihm steckt in mir? Bin ich auch zur Hälfte so furchtbar? Als ich ihn getroffen habe, habe ich ihn zum ersten Mal so gesehen, wie er ist: ein kleiner, normaler Mann, der auch nur versucht sein Leben zu leben.”

Ungefährlich ausländisch

Saruul studiert BWL, lebt und arbeitet in Paris, Amsterdam, Gütersloh – und im “bayrischen Ausland”. In den Firmen, in denen sie arbeitet, macht sie Erfahrungen, die sie als “positive Diskriminierung” einschätzen würde. Als Vorzeige-Ausländerin, als “beeindruckende Exotin” sei sie gefühlt in jedem Imagefilm und jeder Imagebroschüre abgebildet gewesen. Das erklärt Saruul sich so:

“Ich sehe zwar exotisch aus, habe aber einen sehr deutschen Nachnamen und die richtige Ausbildung. Ich bin sehr integriert und mache nichts falsch. Ich bin so ungefährlich ausländisch, und dann kann man das auch schön und toll finden.”

Derzeit baut sie mit Freunden und Kollegen ein Podcastlabel auf. “Auf die Ohren” produziert und vermarktet Podcasts – was viel Arbeit bedeutet, aber auch sehr erfüllend ist. “Ich hatte noch nie so viel Spaß an der Arbeit. Ich habe das Gefühl, es ist wie Freunde treffen und dabei geile Scheiße machen.”

Instagram: @theberlinbay

 

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