Helen Fares wurde 1994 in Leipzig geboren. Ihre Eltern stammen aus Syrien. Mit Frank spricht sie über ihre angebliche “arabische Mentalität”, ihr Zugehörigkeitsgefühl zu Hip Hop und ihre emotional bewegende Syrien-Reise.

Helens Vater absolvierte sein Ingenieur-Studium in Weimar, ihre Mutter machte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin in Rostock. Sie hatten bereits in Syrien als Kinder in einem kleinen Bergdorf gemeinsam die Schulbank gedrückt. Sie verloren sich aus den Augen – und begegneten sich Jahre später durch glückliche Umstände in der DDR wieder.

Zu Hause wird deutsch gesprochen

„Zu DDR-Zeiten gab es nicht viele Araber. Da war es etwas besonderes, wenn du in der Fremde ein Stück Heimat gefunden hast.“

Die beiden heirateten und bekamen zwei Kinder; zunächst einen Jungen und sieben Jahre später, dann schon in Leipzig, Helen. Den Eltern war es wichtig, dass die Familie sich in der neuen Heimat gut integrierte. Von einer Nachbarin lernte die Mutter, wie die Dinge in Deutschland laufen. Von ihr habe sie zum Beispiel sehr gut deutsch kochen gelernt. Zu Hause wurde zwar auch Arabisch, aber überwiegend Deutsch gesprochen. Dennoch sollte Helen auch Arabisch schreiben lernen, was ihr schwerfiel.

„Ich musste gleichzeitig von links nach rechts und von rechts nach links schreiben lernen. Als Kind habe ich eine krasse Abneigung dagegen entwickelt. Heute wünschte ich, mein Niveau wäre besser.“

“Ich habe die Schule gehasst”

Die Eltern pflegen auch die Verbindung zu ihrer Heimat und zur großen Familie dort. In ihrer Kindheit reiste Helen jedes Jahr mit der Familie nach Syrien.

„Ich erinnere mich an viel Liebe. Egal an welche Tür ich geklopft habe: Ich habe überall Liebe bekommen.“

Ihre Schulzeit in Leipzig hat Helen in keiner guten Erinnerung. Bis heute träumt sie schlecht von diesen Jahren.

„Ich habe es gehasst zur Schule zu gehen. Das war die schlimmste Institution für mich. Ganz früh schon hatte ich das Gefühl, ich verschwende hier meine Zeit.“

Sie sei immer rebellisch gewesen und habe ihre Meinung gesagt, was nicht bei allen gut angekommen sei. Ihre syrische Herkunft sei in der Schule nie explizit thematisiert worden; im Rückblick bewertet sie aber die häufigen Kommentare über ihre temperamentvolle Art als unterschwellige Diskriminierung.

„Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, mein Syrisch-Sein wäre mal thematisiert worden. Damals habe ich gar nicht gecheckt, dass nicht jeder zwei Identitäten hat.“

Helen hatte zwar Freundinnen; fühlte sich jedoch nie ganz sicher. Loyalität – von ihren Eltern als der wichtigste Wert in Beziehungen vermittelt – sei ihr oft nicht entgegengebracht worden, was sie sehr traurig gemacht habe.

Liebe zu Hip Hop

Halt und ein Gefühl der Zugehörigkeit fand Helen schon früh in der Musik. In ihrer Kindheit verbrachte sie viel Zeit in Chören; sie sang Opern und spielte Theater. Über ihren Bruder entdeckte sie ihre Liebe zum Gospel.

Durch Sister Act kam sie zu Lauryn Hill, die für sie eine zentrale Identifikationsfigur ist, und darüber zum Hip Hop. Hier fühlte sie sich mit ihrem Enttäuscht-Sein und ihrer Aggression angenommen und verstanden. Wie aber funktioniert die Identifikation, wenn in Rap-Texten Rassismus zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen auftaucht?

„Natürlich habe ich gemerkt, dass ich nicht die Hautfarbe der Initiatoren des Hip Hop habe. Das hat mich betroffen gemacht, weil ich die Zugehörigkeit spüren wollte.“

Hip Hop als die Sprache der Marginalisierten – das ist für Helen die verbindende Klammer. Loyalität und Solidarität sind ihr generell wichtig. „Ich sehe in niemandem Konkurrenz. Ich habe diese Ellenbogen-Mentalität nicht. Die Torte ist groß genug für alle.“

Explosionen in der Nacht

Nach 10 Jahren Pause reiste Helen kürzlich zum ersten Mal wieder nach Syrien – ein intensives und aufwühlendes Erlebnis, mit dessen Verarbeitung sie noch beschäftigt ist.

„Ich sah jetzt alles mit erwachsenen Augen; hörte Dinge über Leid, die man einem Kind nicht erzählt.“

„Es gibt ganz viel Liebe, aber das meiste ist gerade traurig. Es ist ein Land mit Menschen, die zehn Jahre Krieg hinter sich haben und keine Aussicht auf Ende.“

Eines Nachts wird Helen von Explosionsgeräuschen geweckt. Es handelte sich um Drohnen, wie sie später erfährt. In der folgenden Nacht geschah dasselbe und sie ist erschrocken darüber, wie viel gelassener sie reagierte und wie schnell ein Gewöhnungseffekt einsetzte.

„Was ist das für eine kranke Normalität, in der man dort lebt?“

„Seitdem ich zurück bin, hinterfrage ich die Sinnhaftigkeit von dem, was ich hier tue, während in meinem Land schlimme Dinge passieren. Ich fühle mich hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl, dankbar oder schuldig zu sein für meine Privilegiertheit.“

Weitere Themen: Wie Helen Moderatorin wurde, Geräuschehass im Zug & Helen und Frank kauen Kardamom.

Helen auf Insta: @helen_fares | Podcast “Deine Homegirls” @deinehomegirls

 

Halbe Katoffl abonnieren auf:

Apple Podcastshttps://apple.co/2A6fWsn

Spotifyhttps://spoti.fi/2JQHRoi 

Halbe Katoffl ist ein kostenloses Angebot. Wenn ihr mich per Dauerauftrag, Überweisung oder Paypal-Spende finanziell unterstützen wollt, könnt ihr das hier machen – oder: direkt eine Spenden-Mitgliedschaft auf Steady abschließen (Klick auf den Button). Vielen Dank!