ShaNon Bobinger ist die Frau mit den tausend Frisuren. Unter anderem. Die 32-Jährige zeigt ihre Vielfalt aber auch in weiteren Dingen. Ihr Leben ist geprägt von steten Ortswechseln und drastischen Veränderungen. Trotzdem oder gerade deshalb sagt die Deutsche mit ugandisch-ruandischen Wurzeln: “Ich lerne, meine innere Pluralität zu akzeptieren und zu feiern.”

Kein Bewusstsein für Hautfarbe

ShaNon ist vier Jahre alt, als sie mit ihrer Tante von Uganda nach Deutschland fliegt. ShaNons Mutter ist schon vor Ort in Nordrhein-Westfalen. Ihr Vater tritt in ihrem Leben nicht groß in Erscheinung. Das riesige Flughafengebäude in Bonn imponiert der kleinen ShaNon. Die vielen weißen Menschen jedoch scheinen sie nicht eingeschüchtert oder beeindruckt zu haben.

An Uganda hat sie noch viele Erinnerungen. Sie erinnert sich an das Familienhaus, an die Katze aber auch an Alltagsunruhen in dem von politischen Gewaltakten geprägten Land.

Als ShaNon acht ist, ändert sich ihre Welt drastisch. Ein deutsches Paar adoptiert sie. ShaNon zieht von Nordrhein-Westfalen nach Bayern, wo sie bei den Bobingers lebt – in Bobingen. Den familiären Wechsel empfand ShaNon dennoch als guten Schritt. Etwa zur selben Zeit bekommt ihre Mutter eine weitere Tochter, ShaNons Halbschwester.

“Es war von Jetzt auf Gleich ein völlig anderes Leben. Mein Mechanismus war immer, mich so schnell wie möglich in mein neues Umfeld einzufinden, mich anzupassen und reinzumorphen.”

ShaNon erinnert sich nicht daran, besonders viele negative Erfahrungen gemacht zu haben, als einziges schwarzes Kind in einem dörflichen, weißen Umfeld. Erst im Nachhinein würde sie so manche Situation anders bewerten oder als schwierig einordnen. “Ich hatte damals kein Bewusstsein für Hautfarben.”

“Ich mache mein Ding”

Trotz der Angepasstheit wird ShaNon bewusster, dass sie “definitiv anders” ist als die meisten ihrer Mitschüler und Freunde. Was genau das ist, kann sie zu dem Zeitpunkt noch nicht spezifizieren, aber “ich habe schon immer mein Ding gemacht”. Dazu gehört auch, einen diversen Freundes- und Bekanntenkreis zu haben oder sich auf eine gewisse Art zu kleiden oder zu frisieren. Das sei bis heute so.

“Ich hatte schon lange unterschiedliche Herzen in mir pochen. Es gab ein Phase, in der mich das genervt hat und ich mir gewünscht hätte, dass ich mehr so eine einzige Sache wäre – aber das bin ich nicht. Jetzt lerne ich, meine innere Pluralität zu akzeptieren und zu feiern.”

Nachdem sie die zehnte Klasse abschließt (nach einem Jahr Internat am Chiemsee), macht ShaNon ein “Work & Travel” in Australien. Von einem Tag auf den anderen ist sie allein erziehende Mutter von drei Kindern – so fühlt es sich zumindest für sie an.

Als Nanny kümmert sie sich um den Nachwuchs einer britischen Familie in Sydney. Nach weiteren Stationen – wieder NRW, London – kommt sie nach Berlin, wo sie eine negativ-prägende Erfahrung macht. Ein betrunkener Mann in der Bahn beschimpft sie rassistisch, mit dem N-Wort – eine Situation, die sie so noch nicht erlebt hatte.

“Ich habe mich im Kern meines Menschseins getroffen gefühlt. Das ist ein Schmerz, den man mit nichts vergleichen kann.”

“Berlin ist meine Homebase”

Sie fängt an, sich mehr und mehr Fragen zu stellen. Wer bin ich? Was bin ich? Wo ist meine Heimat? Nicht immer gibt es eine eindeutige Antwort. Seit fünf Jahren lebt ShaNon in Berlin, wo sie sich zu Hause fühlt: “Hier ist meine Homebase. Wenn Deutschland, dann Berlin.”

Sie sagt aber auch: “Ich habe meine Basis in mir.”

Ihr Geburtsland Uganda hat sie vor einigen Jahren bereist, auch das Herkunftsland ihrer Mutter, Ruanda, hat sie schon besucht. Die Reisen hat sie als bereichernd aber auch als herausfordernd empfunden. Nicht immer wurde sie mit offenen Armen empfangen.

“Mir wurde auch hier stark kommuniziert, dass ich nicht dazu gehöre. Ich habe mich seltener unafrikanischer gefühlt als auf afrikanischem Boden. Das war seltsam.”

Findungsprozess & Empowerment

ShaNon scheint mitten im Findungsprozess, auch was die Annäherung an ihren ugandischen Vater angeht, der nicht präsent war in ihrem Leben. Sie spürt, dass es wichtig wäre, sich dem Thema zu widmen. Aber derzeit hätten andere Dinge Priorität, andere Beziehungen und vor allem ihre berufliche Zukunft.

Auch im Job zeigt sie gerne ihre Vielseitigkeit: Sie ist Moderatorin, systemischer Business- und Lifecoach, Referentin für antirassistische Sensibilisierungsworkshops, und sie möchte sich als Speakerin einen Namen machen. “Empowerment für Menschen mit Rassismuserfahrung” – das ist ShaNon wichtig.

“Ich möchte mich in meiner Arbeit auf Menschen mit interkulturellem Vorder- und Hintergrund konzentrieren, weil wir ganz andere Herausforderungen haben in unserer Wegfindung, die oft nicht mitgedacht werden.”

ShaNon auf Instagram: @shanon_many_me

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